„Polyester ist der wahre Feind der Baumwolle“

24.03.2011

Sie sieht unscheinbar aus, die Baumwollpflanze. Ihr weißer Flaum quillt sanft aus seiner Hülle heraus und lässt dabei kaum erahnen, welche wirtschaftliche Bedeutung der Rohstoff hat: Weltweit werden jedes Jahr über 21 Millionen Tonnen Baumwolle produziert und verarbeitet. Kein Wunder, dass man sie auch das „weiße Gold“ nennt. Massenhaft wird Baumwolle vor allem in China, Indien und den USA angebaut. Die Baumwollbauern in den Vereinigten Staaten erhalten dabei massive Unterstützung durch staatliche Subventionen.
 
Die Baumwollproduktion auf dem afrikanischen Kontinent ist weltwirtschaftlich betrachtet verhältnismäßig klein. Wie groß aber ihre volkswirtschaftliche Bedeutung für die einzelnen Staaten ist, wird besonders am Beispiel eines der ärmsten Ländern der Welt deutlich: Benin. Die Landwirtschaft trägt hier zu etwa einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts bei, während der Baumwollanbau wiederum einen Großteil der Landwirtschaft ausmacht. In der Saison 2009/2010 gab es in dem kleinen westafrikanischen Staat rund 337.500 Baumwollbauern. Zusammen mit Familienangehörigen waren damit etwa 2.362.500 Menschen vom Anbau des weltweit benötigten Rohstoffs abhängig — mehr als jeder vierte Einwohner. Die meisten afrikanischen Produzenten organisieren sich als Kleinbauern. Sie arbeiten nicht auf Plantagen sondern bewirtschaften ihre Felder allein mit der Hilfe ihrer Familie, haben keine Angestellten und Großmaschinerien zur Verfügung. In diesem Land, in dem etwa ein Drittel der Bevölkerung in extremer Armut lebt, entspricht ein gesichertes Einkommen durch den Verkauf von Rohbaumwolle einer Existenzgrundlage.

In den vergangenen Jahren ist die weltweite Baumwollproduktion vor allem aufgrund steigender Kosten, Arbeitskräftemangel, zusätzlicher Regierungsbeihilfen für die Getreideproduzenten in
China und Exportbegrenzungen in Indien zurückgegangen. Dr. Michael Otto, Vorsitzender des Kuratoriums der Aid by Trade Foundation blickt kritisch in die Zukunft des Marktes: „In den nächsten Jahren werden wir einen internationalen Engpass auf dem Baumwollmarkt erleben.“ Das US-Landwirtschaftsministerium rechnet damit, dass sich der globale Bedarf in der laufenden Saison auf etwa 120,87 Millionen Ballen beläuft — bei einem Ernteertrag von nur 116,85 Millionen Ballen. Steigende Rohstoffpreise sind die Folge: Zwischen Anfang und Ende Oktober dieses Jahres stieg der Baumwollpreis bereits um 22 Prozent und erreichte damit einen neuen Höchststand. Für die afrikanischen Baumwollbauern bedeutet dies Chance und Gefahr zugleich: Einerseits wird auf dem Weltmarkt mehr Baumwolle nachgefragt, als produziert wird — was einen Absatz ihres Produkts zu einem höheren Preis und damit ein höheres Einkommen zur Folge hat. Die Gefahr liegt jedoch darin, dass sich die großen Textilunternehmen anderweitig orientieren und statt Baumwolle beispielsweise größere Mengen Polyester verarbeiten als zuvor.
 
War Polyester noch vor wenigen Jahren als umweltschädlich verschrien, so hat besonders die Entwicklung von recyceltem Polyester dazu beigetragen, das Image des künstlich hergestellten Rohstoffs aufzuwerten: Produziert wird der aufbereitet Stoff aus alten Kunststoffabfällen; bei der Produktion benötigt er weniger Wasser und kann später bei niedrigeren Temperaturen gewaschen werden als Baumwolle. Insgesamt ist die Produktion und Verarbeitung von Polyester in den vergangenen Dekaden wesentlich stärker angestiegen als die von Baumwolle: Während sich die Fertigungszahlen der Naturfaser seit den 1970er Jahren verdoppelt haben, wurden die des Kunststoffes nahezu verfünffacht. Damit standen bereits in 2008 42 Millionen Tonnen Polyester 25 Millionen Tonnen Baumwolle gegenüber.
 
Fritz Grobien von der malawischen Baumwollgesellschaft Plexus geht sogar so weit zu sagen: „Polyester ist der wahre Feind der Baumwolle.“ Ziel müsse es sein, den Baumwollanbau in Afrika, von dem so viele Menschen abhängig seien, durch eine Steigerung der Produktivität am Leben zu halten. Genau darin sieht Grobien die Motivation für Bauern und Baumwollgesellschaften sich Cotton made in Africa anzuschließen: Hier kriegen sie beigebracht, ihre Erträge durch einen nachhaltigen Anbau langfristig zu steigern. Dadurch gelingt es der Initiative, den Bauern eine Zukunft im Baumwollanbau zu schaffen. Gleichzeitig wirkt Cotton made in Africa dem weltweiten Anbaurückgang entgegen und hilft der Naturfaser so, sich auf dem Weltmarkt auch weiterhin gegen chemische Fasern wie Polyester zu behaupten.